Lebensmenschen. Jawlensky, Werefkin und Ascona

Am 20. September öffnet die Ausstellung “Alexej Jawlensky und Marianne Werefkin – Lebensmenschen“ im Museo Comunale d’Arte Moderna in Ascona. Eine Ausstellung, die zum ersten Mal die beiden russischen Künstler gemeinsam präsentiert, die der expressionistischen Avantgarde den Weg geebnet haben, in einer Perspektive der gegenseitigen Abhängigkeit und des Wachstums, durch die Werke, die ihre Entwicklung geprägt haben und in den Städten, die ihre Heimat waren: München, Wiesbaden und Ascona.

„Die Bekanntschaft sollte mein Leben ändern. Ich wurde der Freund von ihr, von dieser klugen, genial begabten Frau.“ So beschreibt Jawlensky die erste Begegnung mit Werefkin. Es ist das Jahr 1892 als Il’ija Repin seine Lieblingsschülerin einem jungen, aufstrebenden und talentierten Künstler vorstellt. Zwischen den beiden funkt es sofort. Von diesem Moment an malen die beiden für viele Jahre zusammen, verbunden durch gemeinsame Leidenschaften, Interessen, Ideale und einer tiefen und komplizierten Liebe. Sie geben sich nie das Jawort. Sie sind kein Ehepaar. Sie sind Lebensmenschen.

Marianne Werefkin war eine extrem emanzipierte Frau in einer Männerwelt. Mit einem Militärvater und einer Künstlermutter, Erbin einer dem Zaren sehr nahestehenden Familie, ist Marianne eine gebildete Frau mit starkem Charakter und revolutionärem Geist, die es verstand, die Aufmerksamkeit der Menschen zu polarisieren. Für sie war der Segen ihres Vaters für ihre Verbindung mit Jawlensky weitaus bedeutender als jede Ehe. Im Herbst 1896 ziehen die beiden Künstler nach München, ins Künstlerquartier Schwabing. Hier beschliesst Werefkin, die Malerei aufzugeben, um sich mit Leib und Seele der Förderung von Jawlenskys Talent zu widmen, in der Überzeugung, dass in einem männlichen Milieu wie der Kunst, nur ein Mann im Stande war sie erneuern zu können: „Was könnte ich durch meine Arbeit erreichen, so bewundernswert sie auch sein mag? Einige Arbeiten, mögen vielleicht gar nicht so schlecht sein. Nun, ich liebe meine Kunst zu sehr, um sie auf so wenig zu reduzieren. Wenn ich dagegen nicht male und mich ganz dem widme, woran ich glaube, wird das einzig wahre Werk, der Ausdruck des künstlerischen Glaubens, das Licht der Welt erblicken, und für die Kunst wird es eine grosse Errungenschaft sein". Im Januar 1902 begann die Situation jedoch kompliziert zu werden: Durch Jawlenskys Beziehung zu Helene Neznakomova, Werefkins persönlichem Dienstmädchen, das ihnen von Russland nach München gefolgt war, wurde Andreas geboren, und das familiäre Gleichgewicht des Paares war gestört. Es ist der Beginn einer langen Reise, die Werefkin in ihren Lettres à un Inconnu verarbeitet.

Erst 1906 begann Werefkin wieder mit malen. Vielleicht hat sie bemerket, dass sie und Jawlensky ihre eigenen Vorstellungen davon hatten, die Kunst zu revolutionieren. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914, hat sie gezwungen, in die Schweiz zu flüchten, zuerst an den Genfersee, danach nach Zürich und schliesslich nach Ascona. Am Lago Maggiore findet sie ein neues Leben. „Ascona lehrt mich, nichts Menschliches zu verachten, das unermessliche Glück der Kreativität und das Elend der materiellen Existenz in gleicher Weise zu lieben und wie einen Schatz der Seele in mir zu tragen.“

Nach dem Exil in der Schweiz erreicht das Künstlerpaar 1916 Zürich, wo sie Teil des kulturellen und künstlerischen Umfelds werden und alte und neue Freunde treffen. Dank diesen Bekanntschaften und unter dem immer noch starken Einfluss des Monte Verità, der zum Auffangbecken von Künstlern wurde, ziehen sie 1918 nach Ascona. Zwei Jahre später beschliesst Jawlensky, mit Helene und Andreas nach Wiesbaden zu ziehen und Werefkin nach fast dreissig Jahren gemeinsamen Lebens alleine in Ascona zurückzulassen. Ihres Lebensgefährten und der beträchtlichen Hinterlassenschaft ihres Vaters - aufgrund der Revolution - beraubt, muss Werefkin zum ersten Mal in ihrem Leben Einsamkeit und Armut erfahren. Aber am Lago Maggiore findet sie auch ein neues Leben, ein Zuhause und eine Familie. Sie integriert sich ins Dorfleben, gründet zusammen mit Ernst Kempter das Museo Comunale (Städtische Museum), lernt Vergebung und wird die „Grossmutter von Ascona“, wie sie sich selbst definiert. Sie findet nicht nur einen neuen Ort den sie Zuhause nennen kann, auch eine neue Liebe und neue künstlerische Inspiration. Mit der Kraft und der Schönheit der Natur, mit der Grossherzigkeit der Bewohner und der reichen Geschichte, hat Ascona dazu beigetragen, dass diese aussergewöhnliche Malerin genau das in sich gefunden hat, was sie suchte.
 

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